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Auf nach Marienfließ

Dr. Paweł Gut präsentiert im Vortrag den Umschlag der Prozessakte aus dem Jahr 1601-1602, aus den Beständen des Staatsarchivs Stettin. Dies war Sidonia von Borckes letzte Klage gegen den Bruder Ulrich im Streit um das ihr nach dem Tod der Schwester Dorothea zustehende Erbe und die ausstehenden Alimente. Auch diesmal blieb diese erfolglos. Am 11. November 1603 starb Ulrich und die Bemühungen Sidonias wurden noch aussichtloser. Nach Angaben Georg Sellos (Quellenedition, Bd. 3, S. 144) wird Sidonia in das Kloster Marienfließ durch Fürbitte „ehrlicher vornehmer Leute“ um Neujahr 1604 aufgenommen. Es lässt sich nur vermuten, dass hier ökonomische Gründe ausschlaggebend waren.

Der Vortrag fand am 4.09.2020 im Schloss der Pommersche Herzöge Stettin statt. Foto: Pommersches Landesmuseum

Fünf aus den reduzierten Klosteranlagen wurden 1569 in Jungfrauenstifte umgewadelt – Marienfließ war eins davon. Magdalena, Sabina, Augusta, Eleonora und Charlotta hießen mit Vornamen einige der Conventualinnen des Jungfrauenstiftes im Jahr 1736. Im Jahr 1755 erschien Johann Carl Dähnerts Artikel mit den Namenslisten und mit der Abschrift der am 23. März 1569 beim Landtag zu Wollin verabschiedeten Klosterordnung. 20 Jungfrauen, nicht jünger als 15, durften in den gestifteten Einrichtungen wohnen. Dazu waren 10 Gehilfen eingeplant (2 Mägde der Regentinnen, 2 Mägde der Jungfrauen, 1 Schafferin, 1 Kellerin, 1 Köchin, 2 Mägde und ein Pförtner). In der Urkunde werden die Regeln des Alltaglebens festgehalten: die Jungfrauen sollen „nichts anders im Kloster als schwarze Sachen und Wandt-Röcke und weisse Schleier wie das zu verordnen, tragen“. Die Wohnung und der Garten standen allen kostenfrei zu. Zusätzlich wurden sie mit den Natureinkünften, die auf dem Klostergelände gediehen und die sie bei Bedarf auch verkaufen konnten, angemessen versorgt.

Foto: Archiv Pommersches Landesmuseum

Bereits wenige Monate nach dem Eintritt Sidonias in das Stift häufen sich die Beschwerden über sie. Das meiste dazu kommt aus der Feder des Klosterhauptmanns, Johannes von Hechthausen. Dabei beschreibt er Sidonia von Borcke als „eine unruhige, wunderseltsame Creatur“, die ihm seit dem Eintritt ins Kloster das Befolgen der Klosterordnung unmöglich mache. Sidonia begegne allen mit Widerwillen, zu ungewöhnlichen Uhrzeiten und unangekündigt unternehme sie verdächtige Reisen. Das Tor müsse zum Ärger des Hauptmanns für sie um 2 Uhr nachts geöffnet werden.

Foto: Archiv Pommersches Landesmuseum

Zeuge dieser nächtlichen Ausflüge war vielleicht die Eiche im Garten des Konvets. Georg Sello berichtet über Abbildungen, die zu Marienfließ überliefert sind und erwähnt Lithografien von Kypke. Eine davon soll die „Sidonien-Eiche zu Marienfließ“ zeigen, unter welcher Sidonia gern mit ihrer Schoßkatze gesessen haben soll. Dies könne dieselbe Eiche sein, die in Ulrich Jahns „Volkssagen aus Pommern und Rügen, Teufelssagen und Verwandtes aus Marienfließ“ (1890) als „Teufels-Eiche“ bezeichnet wird. Jedenfalls muss der Baum ein beliebtes Fotomotiv gewesen sein, denn er findet sich häufig auf alten Fotografien und Postkarten wieder.

Foto: Archiv Pommersches Landesmuseum
Abbildung: Archiv Pommersches Landesmuseum

Quellen:

H. Kypke: Bilder aus dem Marienfließer Klosterleben, 1885: https://zbc.ksiaznica.szczecin.pl/dlibra/publication/1486/edition/1234/content?ref=desc

Nachricht von dem ehemaligen und gegenwärtige Zustand des Klosters Marienfließ, In: J. C. Dähnert, Pommersche Bibliothek, Greifswald 1755, Bd. IV, S. 207 – 217. https://digitale-bibliothek-mv.de/viewer/image/PPN774811781_1755/231/

Kloster Marienfließ. Von 1604 bis 1619 lebte Sidonia von Borcke in Marienfließ: https://von.borcke.com/wp-content/uploads/2016/02/Marienflie.pdf (10.09.2020)

Hermann Hoogeweg: Die Stifter und Klöster der Provinz Pommern. Band 2, Leon Saunier, Stettin 1925, S. 110–120.

Marienfließ: http://www.saatzig.de/marienfliess.html (10.09.2020)

Dirk Alvermann: Eine unruhige, wundersame Creatur. Das Leben der Sidonia von Borcke, 1998