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Im Klostergarten

Im Klostergarten des Pommerschen Landesmuseums in Greifswald treffen wir die Schauspielerin Katja Klemt. Heute beginnt ihre kriminalistische Untersuchung der aktenkundigen Hexe Sidonia von Borcke. „Ich möchte verstehen, wie man zu einer Hexe wird“ – erklärt sie mit ihrer rauchigen Stimme. Mit dieser Stimme will sie der Geschichte Sidonias im Rahmen der im Projekt geplanten Kriminalpodcasts Gehör verschaffen.

Katja Klemt schreitet langsam zwischen den Beeten des Klostergartens. Hin und wieder bückt sie sich und riecht an einer Pflanze. Es ist schon August und viele Esskräuter und Heilpflanzen sind bereits verblüht. Sie bückt sich über das Bilsenkraut und riecht an den Blüten des Rainfarns. Hatte Sidonia das einst im Garten des Stiftes Marienfließ (Marianowo) auch getan?

Viele Kräuter finden eine vielseitige Anwendung und ihre Kenntnis konnte früher bestimmt Menschenleben retten. Doch ihre Kraft darf nicht unterschätzt werden.

Bilsenkraut zum Beispiel mildert in kleinen Dosen Schmerzen, in größeren Mengen aber führt es zu Halluzinationen. Bilsenkraut wurde im ausgehenden Mittelalter als teuflische Zutat der Hexentränke betrachtet. Es ist überliefert, dass eine Hexe aus Pommern vor Gericht gestanden hat, weil sie einen Mann „toll“ werden ließ, indem sie ihm Bilsenkrautsamen in die Schuhe getan habe. Georg Homann schrieb in seinem Herbarium „Einheimische Giftpflanzen zum Gebrauch von Stadt- und Landschulen“ über dieses Kraut wie folgt: „Die Kräfte dieser Pflanze werden zum Theil zur Arznei genutzt, übrigens sind alle Theile derselben giftig, verursachen Betäubung, außerordentliche Lustigkeit, Trockenheit im Schlunde und Anfälle von Erstickung.”

Johanniskraut wird im Deutschen unter anderem auch als „Hexenblume“, „Teufelsbiss“ oder „Jageteufel“ bezeichnet. Dem dunklen Saft der Pflanze wird Wunderkraft zugeschrieben, auch soll sie ein Mittel gegen Zauberei und Teufelsmacht sein.

In den Namen vieler Pflanzen zeigt sich die Beziehung zwischen Mensch und Natur. Bis heute werden Namen für Pflanzen verwendet, die das Wort Hexe, Teufel oder Zauber in sich beinhalten und von Unverständnis oder Angst der Menschen gegenüber ihrem Umfeld zeugen. Viele dieser Pflanzen kennzeichnet eine Ambivalenz; einerseits verursachen sie Schaden oder Krankheiten, andererseits heilen oder schützen sie.

Die Brennnessel ist ein wunderbares Beispiel für eine Pflanze, die in ihrer Wirkung eine starke Ambivalenz aufweist. Sie ist zum einen nährstoffreich und entzündungshemmend, zum anderen hinterlässt sie juckende Bläschen auf der Haut. So schützt sich die vor allem im Sommer durch Kinder und Erwachsene gefürchtete Brennnessel mit einer Flüssigkeit, die bei Berührung aus den Spitzen der kleinen Härchen auf die Haut gelangt. Die Vielschichtigkeit dieser Pflanze ist ein Grund, warum ein Brennnesselblatt mit dem Buchstaben „S“ (wie der erste Buchstabe in Sidonias Namen) zum Logo für unser Vorhaben wurde.

Alle Fotos: Pommersches Landesmuseum

Die Giebel der Backsteinbibliothek des ehemaligen Franziskanerklosters (heute Pommersches Landesmuseum) sind auf diesem Foto im Hintergrund gut zu erkennen. Links davon erstreckte sich der Garten der Mönche. Ab 1491 wurde der Garten deutlich vergrößert: Katharina Rubenow vermachte dem Kloster einen großen Obstgarten.

Aus dieser Tradition heraus wird bis heute im Museum die Gartenkunst gepflegt. Neben Bäumen, die für den traditionellen Obstanbau stehen, wurden Beete nach alter Klostertradition angelegt: mit Färberpflanzen, Würzpflanzen, Heilpflanzen, christlichen Symbolpflanzen und auch Gemüse. Eine Reihe an schriftlichen Überlieferungen geben uns Hinweise dazu, zum Beispiel die Heilkräuterliste Karls des Großen „Kapitulare de Villis“, Aufzeichnungen des Mönches Walahfrid Strabo im lateinischen Gedicht „Hortulus“ sowie die Überlieferungen des Benediktinerklosters St. Gallen aus dem 17. Jh.

Quellen:

Renate Silina-Pinke: Hexenpflanzen im Deutschen und Lettischen, In: Hexen. Historische Faktizität und fiktive Bildlichkeit: Marion George, Andrea Rudolph (Hg.); 2006, S. 35-45

Mikołaj Radomski: Grunt to zdrowie, 2019

Repro: Georg Gotthilf Jacob Homann: Rośliny trujące Pomorza. Giftpflanzen von Pommern, 2018

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Archive bewahren Schätze der Geschichte

So auch das Landesarchiv Greifswald, in dem das Familienarchiv der von Borckes behütet wird. Darin enthalten ist ein Blatt mit einem aufgeklebten Bild – die Komposition dieser angeblichen Abbildung Sidonia von Borckes weist eine erhebliche Ähnlichkeit mit dem Doppelporträt im Nationalmuseum Stettin (Muzeum Narodowe w Szczecinie) auf.

Entsprechend der Beschriftung auf dem Archivblatt soll diese Schwarz-weiß-Kopie in der Technik der Heliogravüre angefertigt worden sein. Die beiden Sidonia-Forscher Georg Sello und Wulf-Dietrich von Borcke sehen in diesem Bild die eigentliche Vorlage für viele weitere Darstellungen, die im 18. und 19. Jahrhundert entstanden, unter anderem auch für das Stettiner Sidonia-Bild und die Radierung von Ganz aus dem Archiv des Pommerschen Landesmuseums.

Das Originalgemälde, das auf diesem Blatt abgebildet ist, gehörte nach einem mehrfachen Besitzerwechsel seit 1835 den Grafen von Borcke-Stargordt und soll 1945 zusammen mit dem Schloss Stargordt (Starogard Łobeski) durch einen Brand vernichtet worden sein.

Abbildung: Landesarchiv Greifswald; Rep. 38d Borcke Nr. 106 d6.

Quellen: Georg Sello: Sidonia Borcke. Vermischte Urkunden (Bd. 3,2) https://digitale-bibliothek-mv.de/viewer/image/PPN781987210/80/#topDocAnchor

Wulf-Dietrich von Borcke: Sidonia von Borcke. Die Hexe aus dem Kloster Marienfließ. 1548-1620.

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Wir öffnen die Akte Sidonia!

Laut Überlieferungen wurde Sidonia von Borcke am 19. August 1620 in Stettin wegen Hexerei hingerichtet. Wäre das ein Fall von heute, würden wir ihr Gesicht in jedem Kiosk auf den Titelseiten der Boulevardzeitungen sehen.

Obwohl ihr Tod 400 Jahre zurückliegt, können wir uns dank der vielen Drucke, für die ihre Geschichte eine Inspiration war, gut vorstellen, wie sie vielleicht ausgesehen hat. Vor diesem Hintergrund sticht ein von Legenden und Geschichten umwobenes Doppelporträt Sydonias hervor, das sich heute in der Sammlung des Nationalmuseums in Stettin befindet.

Da es im 17. Jahrhundert keine Kameras gab und Sydonia keiner fürstlichen Familie mit eigenem Hofmaler angehörte und sie auch nie einer solchen Familie durch Heirat beigetreten ist, besteht keine Sicherheit, dass sie jemals porträtiert wurde. Ein ziemlich klares Bild Sidonias ergibt sich jedoch aus schriftlichen Quellen. Bis heute sind in den Archiven in Greifswald und Stettin handschriftliche Prozessakten, Briefe und Notizen erhalten, in denen beispielsweise Streitigkeiten beschrieben wurden, an denen Sidonia beteiligt war. Zu den wertvollsten Dokumenten gehören Notizen, die die Angeklagte selbst verfasst und unterschrieben hat. Zwischen den Zeilen dieser Zeugnisse zeigt sich ein weiteres Bild Sidonias. Das einer Frau, die ihr ganzes Leben lang für ihr Recht gekämpft hat.

Wir öffnen die Akte Sydonia! 400 Jahre nach dem Tod der vielleicht berühmtesten pommerschen Adeligen eröffnen wir ihren Fall neu.

Druckgrafik – Sidonia von Borcke (Archiv: Pommersches Landesmuseum)