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Der Hexenturm von Stolp

Ein Beitrag von Gina Horn

Auch die Stadt Stolp war Schauplatz der Hexenverfolgungen. Stolp (Słupsk) unterlag zu Beginn des 14. Jahrhunderts dem pommerschen Herzogtum. Nach dem Aussterben des Greifengeschlechts ging diese Herrschaft im Westfälischen Frieden von 1648 an das Haus Brandenburg über. Im Jahr 1365 wurde Stolp Mitglied der Hanse, somit stiegen auch der Reichtum und der Einfluss der Stadt enorm an. Um dies zu demonstrieren und sich gleichzeitig vor Eindringlingen und Plünderungen zu schützen, baute man eine 3-4m hohe und robuste Stadtmauer um Stolp aus. In jede Himmelsrichtung war ein Turm ausgerichtet, einer davon war der so genannte Hexenturm. Dieser steht bis heute am östlichen Teil der Stadtmauer. Der Hexenturm wurde in den Jahren 1411-1415 fertig gestellt. Damals trug jener diese Bezeichnung noch nicht. Der Turm wurde zuerst als Gefängnis für Bürger genutzt die Verbrechen begingen, wie Diebstahl, Betrug oder gar Mord. Nachdem die Reformation im Jahr 1534 fester Bestandteil ganz Pommerns wurde, waren auch immer mehr Hexenpredigten in den Alltag eingebunden. Und auch die Zahl der Hexenprozesse in Stolp ist gestiegen. Der einstige Gefängnisturm wurde in ein Hexengefängnis umfunktioniert, so kam dieser zu dem Namen Hexenturm. Im Keller befand sich eine Folterkammer, die für die „peinlichen“ Verhöre der vermeintlichen Hexen genutzt wurde. Schon die erste angeklagte Hexe wurde dort gefangen gehalten und 1651 verurteilt.

Postkarte mit dem Hexenturm, Archiv des Pommerschen Landesmuseums

Einen besonderen Einblick nehmen wir auf den Prozess von der vermeintlichen Hexe, die in der Literatur als Kathrin oder Trina, als oftmals genutzte Abkürzung des Vornamens, Zimmermann oder Papisten bekannt und im Hexenturm Stolp gefoltert und gefangen gehalten wurde. Ihre Geburtsdaten sind unbekannt, dafür aber die Umstände ihres Todes umso ausführlicher überliefert.

Trina soll eine Einzelgängerin gewesen sein und sich vom öffentlichen Leben distanziert haben. Dies missfiel den anderen Frauen im Ort sehr, denn es sei ein Indiz für die Ausübung der schwarzen Magie. Diese nutzte eine Hexe nur, um für sich alleine ein positives Nutzen daraus zu ziehen. Am 04.05.1701 wurde Trina von dem Apotheker Zienecker beschuldigt Hexerei im Dorf angewandt zu haben, ein Grund hierfür war die Nutzung von Heilkräutern. Doch das war nicht der einzige Vorwurf. Die Tiere der Nachbarn verendeten an einer Seuche, nur das Vieh der Familie von Trina überlebte. Eine Raupenplage stürzte sich auf die Ernte des Dorfes, daraufhin folgten enorme Hagelstürme die weitere Teile der Landwirtschaft zerstörten.

Darstellung einer Frau mit dem Hexenturm im Arm, Stolp, ul. gen. Józefa Bema, Foto: Pommersches Landesmuseum

Es war für eindeutig, dass Trina dem als Hexe schuldig war. Mehrere Nachbarn warfen mit angeblichen Beweisen der Hexerei um sich. Da die Angeklagte ein freiwilliges Geständnis verweigerte, erteilte die Juristische Fakultät Rostock, am 27.07., in einem Rechtsgutachten die Erlaubnis zur Anwendung von Folter. Das Ziel war es ein eindeutiges Geständnis zu erlangen. Die erste Folterung wurde am 11.08. im Keller des Hexenturmes ausgeführt. Es wurden ihr auf der Streckbank die Arme und Beine ausgerenkt und mit einem heißen Eisen enorme Brandwunden zugefügt. Unter den Schmerzen der Folterung gestand sie eine Hexe zu sein, einfach um die Qualen nicht mehr ertragen zu müssen. Vor dem Richter berichtete sie von Hexenversammlungen auf dem Blocksberg und wie sie vom Teufel zur Hexerei verführt wurde, um ihr Geständnis glaubhaft zu unterstreichen. Am 30.08.1701 wurde sie auf dem Scheiterhaufen unter den Augen vieler schaulustiger Dorfbewohner als letzte verurteilte Hexe in Stolp verbrannt.

Foltelkeller im Museum Burg Penzlin. Das Hexenmuseum in Mecklenburg, Foto: Pommersches Landesmuseum

Für mich war es eine neue und spannende Aufgabe eigenständig zu einem Thema zu recherchieren und mit Archivalien zu arbeiten. Durch den Online-Katalog OPAC der Universitätsbibliothek Greifswald bin ich auf erste passende Literatur gestoßen. Einige der Bücher befinden sich in der Bibliothek des Pommerschen Landesmuseum, dadurch konnte ich diese gut nutzen. Ich habe mich erst zu der Stadtgeschichte von Stolp belesen und dann einen Blick in den Hexenprozess einer Hexe nehmen können. Besonders interessant ist, dass es relativ viel Literatur über die Hexenprozesse oder allgemein über den Hexenwahn in Pommern gibt, aber es nicht detailliert in der Allgemeinheit verbreitet ist. Die Literatur, die mir durch meine Recherche zur Verfügung stand, ist in die Sekundärliteratur einzuordnen. Originale Quellen konnte ich nicht nutzen, damit hätte man sehr wahrscheinlich noch einen tieferen Einblick in die Thematik bekommen können.

Gina Horn studiert an der Universität Greifswald und im Rahmen ihres Praktikums unterstützte sie die Arbeit des Pommerschen Landesmuseums.

Literatur:

Bonin, Dr. Rudolf, Städtische und kirchliche Zustände im mittelalterlichen Stolp, in: Kuschfeldt, Walter (Hrsg.), Das alte Stolp. Aus der mittelalterlichen Geschichte der Stolper Lande, Lübeck 1957, S. 34-38.

Eisermann, Wilhelm, Aus Pommerns alter Zeit. Bilder aus der Geschichte Ostpommerns von der Vorzeit bis zum 19. Jahrhundert, Gollnow 1937, S. 101-106.

Pagel, Karl-Heinz, Stolp in Pommern: eine ostdeutsche Stadt. Ein Buch über unsere pommersche Heimat, Lübeck 1977.

Haas, Alfred, Über das pommersche Hexenwesen im 16. und 17. Jahrhundert, in: Baltische Studien (Neue Folge), Bd. 34, Kiel 1932, S. 158-202.

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Stargordt – die Ahnengalerie im Schloss

Hing an einer dieser Wände das verschollene Porträt, das Sidonia von Borcke darstellen sollte?

Foto: Schloss Stargordt, Pommersches Landesmuseum, 2020

Der Name Stargodt fiel hier schon mehrmals. Für „Die Akte Sidonia“ steht Stargordt vor allem für den Sitz der Familie von Borcke. Das legendäre Sidonia-Bildnis soll bei den Familienporträts im Stargordter Schloss gehangen haben, bis es im März 1945 samt der Ausstattung verbrannt sein sollten. Die Hinweise zur reichen Kunstsammlung, deren Bestandteil das Porträt der „unglücklichen“ und „berüchtigten“ Sidonia, war stammen aus einem Reisebericht des Schriftstellers Johann Bernoulli, der das Anwesen in den Jahren 1777 und 1778 auf einer Tour durch hinterpommersche Güter besuchte.

Foto: Terrasse mit dem Gartenblick, Pommersches Landesmuseum, 2020

Der Architekt des von Adrian Bernhard Graf von Borcke (1668-1741) erbauten Schloss ist unbekannt – die aufwendige Art der Gestaltung führt zu der Vermutung, dass das Projekt von einem am preußischen Hof beschäftigten Architekten stammt. Noch bis heute lässt sich die symmetrieachse, die vom Schlosseingang bis zum Garten verläuft, erkennen.

Foto: Gartensaal im Schloss Stargordst, Pommersches Landesmuseum, 2020

Den Eingang des Hauptgebäudes schmückt heute das restaurierte Familienwappen – die Wände der Schlossruine sind abgestürzt und gesichert.

Foto: Schloss Stargordst – Ostseite, Pommersches Landesmuseum, 2020

Der heute überwucherte Garten des Stargordter Schlosses lässt kaum die frühere Pracht erkennen. Er soll zu den bekanntesten barocken Anlagen in Hinterpommern gehört haben und wurde von Johann Bernoulli ebenfalls in seinem Bericht ausführlich beschrieben. Beim Besuch vor Ort informieren Tafeln in drei Sprachen über die spannende Geschichte des Schlosses und die vergangene Pracht.

Foto: Kirche in Stargordt, Pommersches Landesmuseum, 2020

Einige hundert Meter weiter, auf der gegenüberliegenden Straßenseite, befindet sich die Pfarrkirche, die zwischen 1578 und 1579 entstanden ist und heute zu den wenigen erhaltenen Fachwerkbauten dieser Zeit zählt. Der Turm auf dem Foto wurde 1908 an der Westseite der Kirche hinzugefügt.

Mehr Informationen zur Geschichte des Stargordter Familienzweiges und des Ortes Stargordt: 

Wulf Dietrich von Borcke: Starogard / Stargordt – Schlösser und Gärten in der Wojewodschaft Westpommern  

Henning von Borcke: Der Stargordter Park vom 18. bis 20. Jahrhundert

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Der Zauber der Legende

Ein Vorhängeschloss soll laut der Legende auch im Fall Sidonia von Borcke eine wichtige Rolle gespielt haben. Gustav Heinrich Schwallenberg hat mit seiner handschriftlichen Notiz, die auf die Rückseite des sogenannten Stargordter Doppelporträts angeheftet war, die tragische Geschichte der pommerschen Adligen verewigt. Abwohl das Bild aller Wahrscheinlichkeit nach zerstört wurde, ist Schwallenbergs Text in den Geschichtsbüchern überliefert. Diese Version der Ereignisse hat die Erinnerung an Sidonia maßgeblich geprägt und die Grenze zwischen Geschichte und Legende verwaschen.

Hier ein Ausschnitt aus der Notiz von Gustav Heinrich Schwallenberg auf der Rückseite des Stargordter Porträts:

„Der Fürst ließ ihr hierauf zwar Gnade und das Leben anbieten, wenn sie die übrigen Fürsten von diesem Unfall befreien könnte, aber ihre Antwort ist gewesen: daß sie das Hexen-Werk in einem Hängeschloß verschlossen und selbiges Schloß ins fließende Wasser geworfen, dass sie auch den Teufel gefragt hätte, ob er das Schloß ihr wieder beschaffen könnte? Der hätte ihr aber geantwortet: Nein! Es wäre ihm verboten. Daraus man das Verhängnisse Gottes bey diesem Werke abnehmen kann.“

Abbildung: Stargordter Porträt, Landesarchiv Greifswald, Rep. 38d Borcke Nr. 106 d6.

Quelle: Dirk Alvermann: “Eine unruhige, wunderseltsame Creatur“ https://digitale-bibliothek-mv.de/viewer/image/PPN1734897503/1/-/?fbclid=IwAR2ZO8JWN2EtiIksTodDGVqw4rsJ3jG9-xf5Q7IiMCLAsulAyJusaDW3JyI

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Die kriminalistische Untersuchung einer Schauspielerin

Wer hat gesagt, dass Hexen auf Besen fliegen?

Gemeinsam mit der Schauspielerin Katja Klemt erforschen wir Geheimnisse, die mit dem Hexendasein zusammenhängen. Eines davon ist… das Transportmittel. Nicht auf einem Besen, nicht mit dem Fahrrad – nur ausnahmsweise mit dem Auto sind wir zu diesem Zweck in die Mecklenburgische Seenplatte in die Burg Penzlin gefahren.

Katja Klemt / photo: Pommersches Landesmuseum

Vor Ort, in der Burg Penzlin. Ein beklemmendes Engegefühl überkommt uns, als wir die steile Treppe hinabsteigen und den Kerker betreten. Die schmalen Ziegelsteine der Treppe weichen einem gestampften Lehmboden. Wir atmen die abgestandene Luft ein. Nur der schmale Strahl des elektrischen Lichtes erinnert uns daran, dass wir uns in einem Museum befinden.

photo: Pommersches Landesmuseum

Im Rahmen der Ausstellung im Hexenmuseum auf der Burg Penzlin werden die Unterschiede der Magiearten erklärt. Ein Vorhängeschloss ist ein Beispiel für einen Gegenstand, der in der Ausübung der profanen Magie Verwendung fand. Diese beruhte – anders als Alchemie oder die okkulte Magie – auf dem Volksglauben.

photo: Pommersches Landesmuseum

In Schwerin wurden bei Ausgrabungen im Bereich des Brunnengrunds Objekte gefunden, die in ihrer Verwendung dem Fundort nicht entsprechen. Dies hat das Interesse von Ethnologen geweckt, denn aus der ethnografischen Forschung in Mecklenburg sind bereits Aufzeichnungen bekannt, die eine mögliche magische Verwendung belegen würden.

„Eine Braut bei der Trauung unfruchtbar zu machen: Man suche etwas von der Menses der Braut zu bekommen, z. B. einen Lappen aus ihrem Hemde mit den Blutigen Flecken. Dann schaffe man sich ein neues Vorhängeschloss an und stecke den Lappen in das Loch, durch welches der Bügel geht. In demselben Augenblick, in welchem die Braut mit dem Bräutigam bei der Trauung – gesegnet wird, drücke man das Schloss zu und werfe es in den Brunnen, aus dem jungen Eheleute ihr Kochwasser holen.“

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Die Hexenprozesse von Salem

Geschichten über die Hexenverfolgungen bleiben weiterhin lebendig und oft bemerkenswert zeitlos.

Die Kunst und Kultur geben uns die Möglichkeit sie genauer zu betrachten und sie regen zum Nachdenken und zu eigenen Nachforschungen an. Und so nimmt sich das Zeitgenössische Theater in Stettin (Teatr Współczesny) dem Thema an. „Hexenjagd“ – ein Klassiker von Arthur Miller kehr im November auf die Theaterbühne zurück. Es ist „ein Vorwand für eine Diskussion über die heutige Welt: eine Welt zwischen Religion und Politik (…) und eine Geschichte darüber, wie ein scheinbar triviales Ereignis eine Spirale von Ereignissen auslöst, in denen alle Griffe erlaubt sind.”

Mehr hier.

www.wspolczesny.szczecin.pl
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Die kriminalistische Untersuchung einer Schauspielerin

Im Lesesaal des Archivs der Universität Greifswald wird von Katja Klemt ein Experte zu dem Fall Sidonia von Borcke vernommen.

Dirk Alvermann ist Leiter dieser Einrichtung und vor 22 Jahren arbeitete er bereits als Archivar im Landesarchiv Greifswald. Er öffnete damals die Akte Sidonia und verfasste eine wissenschaftlich fundierte Darstellung des Lebens der sagenumwobenen „Hexe“. Die Sprache war hierbei eine der Herausforderungen. Denn vor vier Jahrhunderten galten noch keine orthografischen Regeln. Das Entziffern der dort verwendeten Kurrentschrift mit barocken Einflüssen ist mühevoll. Die Aussprache dieser Zeit lässt sich hingegen leider überhaupt nicht rekonstruieren.

Wer auf Dirk Alvermanns Blick auf die „unruhige, wunderseltsame Creatur“ Sidonia von Borcke neugierig ist, findet seit kurzem sein schon vergriffenes Buch online in der Digitalen Bibliothek MV! https://digitale-bibliothek-mv.de/…/image/PPN1734897503/1/-/

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Es war einmal Pommern

Michael Majerski dreht einen Film über Pommern – und Sidonia von Borcke erfährt davon. Was passiert dann?

Gespielt von Anna Januszewska stellt Sidonia von Borcke eine Klammer für die filmische Betrachtung der historischen Brüche und Kontinuitäten in der Region dar. „Es war einmal Pommern“– ein sehenswerter Film. Hier: https://vimeo.com/user14636580.

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Hexenverfolgung in Neustettin

„Zum Galgenberg ging der Schreckenszug hin.

Zu befreien von Jammer die Stadt Neustettin.

Seit fünfzehn Hundert Neunzig und zwei

War’s mit neun und vierzig Hexen vorbei.”

Ein Notgeldschein aus einer Serie zur Hexenverfolgung in Neustettin – Archiv Pommersches Landesmuseum

Zahlreichen Hexenprozesse fanden in Neustettin insbesondere in den Jahren 1585 – 1592 statt. Max von Stojentin schreibt sogar von der Ausrottung ganzer Familien. Aktenbasiert nennt er eine Zahl von 22 Opfern für diesen Zeitraum von 7 Jahren, vermutet jedoch ein deutlich größeres Ausmaß der Tat und nennt dazu die Indizien („Kulturgeschichtliche Bilder aus den letzten 100 Jahren der pommerschen Selbstständigkeit“, S. 14 http://www.anton-praetorius.de/downloads/Hexen-%20und%20Zauberwesen%20in%20Pommern.pdf). 

Erhebung auf dem Friedhof in Neustettin – Foto: Pommersches Landesmuseum

Lokalhistoriker im heutigen Neustettin weisen auf den Hügel neben dem Kriegsfriedhof als einen Ort der damaligen Hinrichtungen hin. In den 1970er Jahren wurde dort ein Funkmast errichtet. Trotz der vielen Änderungen besteht möglicherweise eine Ähnlichkeit in der Form des Hügels zwischen dem Galgenberg, wie es heute aussieht und dem auf der entsprechenden Banknote zur Serie.

Die Notgeld-Serie aus dem Jahr 1921 stellt eine recht spezifische Form der Erinnerung an die Hexenprozesse in Neustettin dar. Wegen der Hyperinflation wurden damals lokal Geldscheine gedruckt. In Neustettin wurde für drei solche Scheine im Wert von jeweils 50 Pfennig die Geschichte der Hexenverfolgung aufgegriffen. Die bunten Cartoons zeigen drastische Szenen der Inhaftierung, Verurteilung und Hinrichtung auf dem Scheiterhaufen.

„Durch bösen Spruch und Zauberwesen,

Ist Neustettin in Not gewesen.

Das Volk kam schreiend zum Richter gerannt,

Helft uns! daß die Hexen werden verbrannt.“

Archiv Pommersches Landesmuseum

Alle drei Scheine der Hexenprozess-Notgeld-Serie der Stadt Neustettin sind 1921 erschienen und haben den Wert von 50-Pfennig. Auf der Rückseite befindet sich jeweils das Stadtwappen von Neustettin. Alle drei Scheine haben eine Größe von 90×64 mm. Auf jedem Schein befindet sich jeweils passend zur Grafik ein gereimter Spruch.

Archiv Pommersches Landesmuseum

„Der oberste Rat, der die Stadt wollte retten.

Legte die Zaubrer und Hexen in Ketten.

Sie wurden verurteilt und seht hier im Bild

Steht auch der Scharfrichter, grausig und wild.“

Archiv Pommersches Landesmuseum
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Johannes Bugenhagen und die „Hexenpredigt“

Johannes Bugenhagen – in allen Ehren auf dem Croy-Teppich abgebildet – steht der Doctor Pomeranus stolz zwischen den pommerschen Herzögen Barnim IX. und Philipp I. Der aus Wollin stammende Pfarrer und Gelehrte gehörte zu den engsten Mitarbeitern Martin Luthers und ging in die Geschichte als Verfasser von neuen Kirchenordnungen rein. Im Frühjahr 1526 in Wittenberg notierte er eine sogenannte „Hexenpredigt“, die Martin Luther dort abgehalten hat. Dadurch konnte sich bis heute dieses wichtige Geschichtszeugnis erhalten.

Foto: Ein Fragment des Croy-Teppich (Universität Greifswald) im Pommerschen Landesmuseum

„Es ist ein überaus gerechtes Gesetz, dass die Zauberinnen getötet werden, denn sie richten viel Schaden an, was bisweilen ignoriert wird, sie können nämlich Milch, Butter und alles aus dem Haus stehlen, indem sie es aus einem Handtuch, einem Tisch, einem Griff melken, das ein oder andere gute Wort sprechen und an eine Kuh denken. Und der Teufel bringt Milch und Butter zum gemolkenen Instrument. Sie können ein Kind verzaubern, dass es ständig schreit und nicht isst, nicht schläft usw. Auch können sie geheimnisvolle Krankheiten im menschlichen Knie erzeugen, dass der Körper verzehrt wird. Wenn du solche Frauen siehst, sie haben teuflische Gestalten, ich habe einige gesehen. Deswegen sind sie zu töten.“

Predigt „Die Zauberinnen sollst du nicht am Leben lassen“ Das vollständigen Text der Predigt kann auf der Webseite des Arbeitskreises für die Aufarbeitung der Hexenverfolgung Leipzig nachgelesen werden: https://www.hexenprozesse-leipzig.de/?p=60#fn-1

Croy-Teppich der Universität Greifswald im Pommerschen Landesmuseum
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Das Recht einer Hexe? Gerichtsverfahren bei Hexenprozessen

Ein Beitrag von Paul Sperber

Aus heutiger Sicht klingt es paradox: Rechtsprechung bei Hexenprozessen? 

Doch tatsächlich, Hexerei galt als ein juristischer Akt. Aber wieso verfolgte man überhaupt angebliche Hexen? Kurzgesagt betrachtete man sie als Handlanger des Teufels, welche gezielt Schaden anrichteten, wie etwa Missernten, Unwetter, Brände oder auch Schicksalschläge Einzelner, wie etwa Fehlgeburten oder Krankheiten. Im christlichen geprägten Mittelalter und der Frühen Neuzeit war die Furcht vor Satan ein ausreichendes Argument, dessen vermeintliche Helfer aufzuspüren und zu töten. 

Doch obwohl all dem der Glaube zu Grunde lag, fielen die Hexenprozesse nicht in die Gerichtsbarkeit der Kirche. Im Gegenteil, die katholische Kirche verurteilte die Lynchjustiz gegen Hexen im Mittelalter ausdrücklich. Und die gefürchtete Inquisition lehnte die Hexenverfolgung, zumindest anfangs, scharf ab, da man Ketzer, also abtrünnige Christen, verfolgte und keine Zauberer. Die Gerichtsbarkeit gegen Hexen lag fast ausschließlich bei weltlichen Gerichten. 

Paul Sperber an der Stadtmauer in Greifswald – ein neuer Mitstreiter im Netzwerk für das Aufaurbeiten der Geschichte der Hexenverfolgung in Pommern.
Alle Fotos: Pommersches Landesmuseum

Ende des 13. Jahrhunderts gab es eine Wende im kirchlichen Denken, denn nun galt die Verleugnung der Existenz von Hexen als Ketzerei. Ein zentraler Akteur der Hexenverfolgung war der Dominikanermönch Heinrich Kramer (*1430-†1505), welcher 1478 zum Inquisitor ernannt worden war. Sechs Jahre später legte er Papst Innozenz VIII ein Schriftstück vor, in welchem dieser die Existenz von Hexen anerkennt und deren Verfolgung legitimiert – die Hexenbulle. Von da an schickte die katholische Kirche einige Inquisitoren zur Hexenverfolgung aus. Heinrich Kramer war es auch, welcher 1487 das „Malleus maleficarum“, auch „Hexenhammer“ genannt, verfasste: Ein Kodex, welcher eine scharfe Justiz gegen angebliche Hexen proklamierte. Damit sollte die Lynchjustiz legitimiert werden, denn zu Zeiten Kramers gab es auch eine große Anzahl von Personen, welche sich explizit gegen die Hexenverfolgung aussprachen. Die wurde scholastisch begründet und letztendlich forderte er die Vernichtung aller Hexen. Kramer gelang es, seine eigene Position mit dem Malleus maleficarum zu stärken. 

Die meisten Hexenverfolgungen ereigneten sich zwischen dem 15. und dem 18. Jahrhundert, wobei die Anzahl der Opfer wird auf etwa 60.000 Menschen in ganz Europa geschätzt. Allein fast die Hälfte davon kamen auf dem Gebiet des Heiligen Römischen Reiches Deutscher Nation um, so Gerd Schwerhoff in seiner Publikation zu dem neuesten Forschungsergebnissen.

„Der Hexenhammer” – eine kommentierte Ausgabe

Doch nicht nur die Katholiken verfolgten Hexen. Auch mit der Reformation verbesserte sich die Situation nicht, im Gegenteil, in der Praxis behandelte die evangelische Kirche Hexen deutlich grober. Und auch der Martin Luther sprach sich für die Verfolgung von Hexen aus: „Es ist ein überaus gerechtes Gesetz, daß die Zauberinnen getötet werden, denn sie richten viel Schaden an.“

Seit 1532 bildete die Constitutio Criminalis Carolina, auch Halsgerichtsordnung genannt, von Kaiser Karl V. die juristische Grundlage im Heiligen Römischen Reich. Danach war Hexerei nur dann durch Buße zu bestrafen, wenn ein realer Schaden entstanden sei. Die Anwendung des Todesurteils, von Ordonalen (Gottesurteilen) oder etwaigen Hexenproben wurde darin abgelehnt. Die Protestanten legten diese Regelungen allerdings weitaus radikaler aus. Eine Maxime, unter die sich jedoch alle Richter und Ankläger fügen mussten, war: Ohne Geständnis, keine Verurteilung. Niemand durfte bestraft oder gar zum Tode verurteilt werden, wenn derjenige seine Taten nicht gestand. 

Um 1600 wurde die „Instructio Proformandis processibus in causis Strigum, Sorrilegiorum & maleficiorum“, auch „Instructio des Sanctum Officium“ oder zu Deutsch „Hexenprozeßinstruktion“ herausgegeben. Anhand dieser Quelle lässt sich der geregelte Ablauf des Hexenprozesses besonders gut skizzieren.

Die Hexenpredigt von Martin Luther in der Ausstellung auf der Burg Penzlin (Museum Burg Penzlin. Das Hexenmuseum in Mecklenburg)

Zunächst einmal erfolgte die Anklage einer vermeintlichen Hexe. Nicht selten basierte die Anschuldigung auf Gerüchten oder aufgrund von Denunziation. Möglich war aber auch die Anklage in Folge des Todes oder der Erkrankung eines Menschen aufgrund angeblicher Zauberei. Stellte ein Arzt eine natürliche Todesursache fest, wurde das Verfahren eingestellt. Handelte es nicht um keine natürliche Ursache, so wurden weitere Ärzte konsultiert und die Indizien gewissenhaft überprüft. Gelangte man zu dem Schluss, dass nicht Verdächtiges vor sich ging, wurde das Verfahren ebenfalls eingestellt.

Falls doch, folgte die Inhaftierung der Hexe, meist in einem Gefängnis- oder Stadtmauerturm. Zugleich führte man eine Hausdurchsuchung durch. Die inhaftierte Person wurde vollständig entkleidet und ihre Haare entweder abgesengt oder abrasiert. Dies sollte der Anwendung versteckter Zaubermittel vorbeugen. Daneben suchte man den Körper nach sog. Hexenmalen ab, also beispielsweise Muttermalen, welche als „Stempel des Teufels“ gedeutet wurden.

Folterinstrumente – Museum Burg Penzlin. Das Hexenmuseum in Mecklenburg

Der nächste Schritt war dann das Verhör. Dabei unterschied man zwischen drei Phasen: dem gütlichen Verhör, bei welchem die Befragung durch einen Richter erfolgte; der Territion (Schreckung), also der Befragung unter Präsentation der Folterinstrumente; und zuletzt dem peinlichen Verhör (von Pein = Schmerz), bei welchem Werkzeuge, wie etwa die Streckbank oder die Daumenschraube zum Einsatz kamen. Bei der simultan erfolgenden Befragung war jedoch die Anwendung von Suggestivfragen untersagt. Nach geltendem Recht war es eigentlich vorgesehen, dass Folter nicht länger als eine Stunde am Stück angewendet werden durfte, jedoch wurde diese Regel nicht selten missachtet. Zudem war es ein weiteres Gesetz, dass nach dreimaliger, geständnisloser Folter die Anklage fallen und der Angeklagte oder die Angeklagte frei gelassen werden musste, doch auch diese Regelung beachteten besonders fanatische Richter und Henker wenig. Starb ein Angeklagter im Zuge der Folter, so wurde in der Prozessakte bzw. im Verhörprotokoll oftmals „in Cartzer de mortua“ („stirbt im Kerker“) eingetragen. Interessant ist, dass jedem Beschuldigten, auch armen Menschen, ein Verteidiger an die Seite gestellt und daraufhin die Option eröffnet wurde, eine eigene Verteidigung schriftlich abzufassen. Kamen die Richter danach zu keinem Ergebnis und auch eine höhere Instanz bzw. andere Richter konnten keine Entscheidung fällen, so musste das Verfahren eingestellt werden.

Daumenschrauben – Museum Burg Penzlin. Das Hexenmuseum in Mecklenburg

Als nächster, jedoch inoffizieller Schritt kam nicht selten die Hexenprobe zum Einsatz. Eine Variante konnte dabei sein, dass man die vermeintliche Hexe im Wasser versenkte und wenn sie nicht wieder auftauchte, so war bewiesen, dass sie keine Hexe war (was dem Angeklagten zu diesem Zeitpunkt jedoch nichts mehr nutzte). Hexenproben aber waren kein Element eines offiziellen und vor allem ordentlichen Gerichtsprozesses.

Nach erfolgtem Geständnis konnte es zudem noch ein zweites Verhör geben, bei welchem die Richter und Henker die Hexe nach Mitverschwörern bzw. anderen Hexen ausfragten, da man davon ausging, dass Hexen sich untereinander kannten und sich beim Sabbat auch trafen. 

In Folge des Geständnisses und der Verurteilung wurde die Hexe sodann zur Hinrichtung geführt, wobei es bekanntermaßen gängige Praxis war, diese auf einem Scheiterhaufen zu verbrennen. Primär galt dies nicht der weiteren Qual, sondern das Feuer sollte die verdorbene Seele reinigen, so die Vorstellung jener Zeit. Adligen Hexen, wie Sidonia von Borcke, wurde nicht selten das Zugeständnis gemacht, vor der Verbrennung etwa durch Enthauptung exekutiert zu werden. Dies galt als Akt der Gnade und konnte durchaus auch nicht-adligen Personen zugestanden werden. 

Der Gerichtssaal – Museum Burg Penzlin. Das Hexenmuseum in Mecklenburg

Textautor: Paul Sperber – Masterstudent für Kunstgeschichte an der Universität Greifswald

Quellen: 

Rainer DECKER: Die Päpste und die Hexen. Aus den geheimen Akten der Inquisition, Darmstadt 2 2013. 

Marco FRENSCHKOWSKI: Die Hexen. Eine kulturgeschichtliche Analyse, Wiesbaden 2 2016. 

Heinrich KRAMER (Institoris): Der Hexenhammer. Malleus Maleficarum. Kommentierte Neuübersetzung (hrsg. v. Günter Jerouschek und Wolfgang Behringer), München 3 2003. 

Brian LEVACK: Hexenjagd. Die Geschichte der Hexenverfolgungen in Europa, München 4 2009. 

Gerd SCHWERHOFF: Vom Alltagsverdacht zur Massenverfolgung. Neuere deutsche Forschungen zum frühneuzeitlichen Hexenwesen (Geschichte in Wissenschaft und Unterricht 46), Seelze 1995, S. 859-380.