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Der Hexenturm von Stolp

Ein Beitrag von Gina Horn

Auch die Stadt Stolp war Schauplatz der Hexenverfolgungen. Stolp (Słupsk) unterlag zu Beginn des 14. Jahrhunderts dem pommerschen Herzogtum. Nach dem Aussterben des Greifengeschlechts ging diese Herrschaft im Westfälischen Frieden von 1648 an das Haus Brandenburg über. Im Jahr 1365 wurde Stolp Mitglied der Hanse, somit stiegen auch der Reichtum und der Einfluss der Stadt enorm an. Um dies zu demonstrieren und sich gleichzeitig vor Eindringlingen und Plünderungen zu schützen, baute man eine 3-4m hohe und robuste Stadtmauer um Stolp aus. In jede Himmelsrichtung war ein Turm ausgerichtet, einer davon war der so genannte Hexenturm. Dieser steht bis heute am östlichen Teil der Stadtmauer. Der Hexenturm wurde in den Jahren 1411-1415 fertig gestellt. Damals trug jener diese Bezeichnung noch nicht. Der Turm wurde zuerst als Gefängnis für Bürger genutzt die Verbrechen begingen, wie Diebstahl, Betrug oder gar Mord. Nachdem die Reformation im Jahr 1534 fester Bestandteil ganz Pommerns wurde, waren auch immer mehr Hexenpredigten in den Alltag eingebunden. Und auch die Zahl der Hexenprozesse in Stolp ist gestiegen. Der einstige Gefängnisturm wurde in ein Hexengefängnis umfunktioniert, so kam dieser zu dem Namen Hexenturm. Im Keller befand sich eine Folterkammer, die für die „peinlichen“ Verhöre der vermeintlichen Hexen genutzt wurde. Schon die erste angeklagte Hexe wurde dort gefangen gehalten und 1651 verurteilt.

Postkarte mit dem Hexenturm, Archiv des Pommerschen Landesmuseums

Einen besonderen Einblick nehmen wir auf den Prozess von der vermeintlichen Hexe, die in der Literatur als Kathrin oder Trina, als oftmals genutzte Abkürzung des Vornamens, Zimmermann oder Papisten bekannt und im Hexenturm Stolp gefoltert und gefangen gehalten wurde. Ihre Geburtsdaten sind unbekannt, dafür aber die Umstände ihres Todes umso ausführlicher überliefert.

Trina soll eine Einzelgängerin gewesen sein und sich vom öffentlichen Leben distanziert haben. Dies missfiel den anderen Frauen im Ort sehr, denn es sei ein Indiz für die Ausübung der schwarzen Magie. Diese nutzte eine Hexe nur, um für sich alleine ein positives Nutzen daraus zu ziehen. Am 04.05.1701 wurde Trina von dem Apotheker Zienecker beschuldigt Hexerei im Dorf angewandt zu haben, ein Grund hierfür war die Nutzung von Heilkräutern. Doch das war nicht der einzige Vorwurf. Die Tiere der Nachbarn verendeten an einer Seuche, nur das Vieh der Familie von Trina überlebte. Eine Raupenplage stürzte sich auf die Ernte des Dorfes, daraufhin folgten enorme Hagelstürme die weitere Teile der Landwirtschaft zerstörten.

Darstellung einer Frau mit dem Hexenturm im Arm, Stolp, ul. gen. Józefa Bema, Foto: Pommersches Landesmuseum

Es war für eindeutig, dass Trina dem als Hexe schuldig war. Mehrere Nachbarn warfen mit angeblichen Beweisen der Hexerei um sich. Da die Angeklagte ein freiwilliges Geständnis verweigerte, erteilte die Juristische Fakultät Rostock, am 27.07., in einem Rechtsgutachten die Erlaubnis zur Anwendung von Folter. Das Ziel war es ein eindeutiges Geständnis zu erlangen. Die erste Folterung wurde am 11.08. im Keller des Hexenturmes ausgeführt. Es wurden ihr auf der Streckbank die Arme und Beine ausgerenkt und mit einem heißen Eisen enorme Brandwunden zugefügt. Unter den Schmerzen der Folterung gestand sie eine Hexe zu sein, einfach um die Qualen nicht mehr ertragen zu müssen. Vor dem Richter berichtete sie von Hexenversammlungen auf dem Blocksberg und wie sie vom Teufel zur Hexerei verführt wurde, um ihr Geständnis glaubhaft zu unterstreichen. Am 30.08.1701 wurde sie auf dem Scheiterhaufen unter den Augen vieler schaulustiger Dorfbewohner als letzte verurteilte Hexe in Stolp verbrannt.

Foltelkeller im Museum Burg Penzlin. Das Hexenmuseum in Mecklenburg, Foto: Pommersches Landesmuseum

Für mich war es eine neue und spannende Aufgabe eigenständig zu einem Thema zu recherchieren und mit Archivalien zu arbeiten. Durch den Online-Katalog OPAC der Universitätsbibliothek Greifswald bin ich auf erste passende Literatur gestoßen. Einige der Bücher befinden sich in der Bibliothek des Pommerschen Landesmuseum, dadurch konnte ich diese gut nutzen. Ich habe mich erst zu der Stadtgeschichte von Stolp belesen und dann einen Blick in den Hexenprozess einer Hexe nehmen können. Besonders interessant ist, dass es relativ viel Literatur über die Hexenprozesse oder allgemein über den Hexenwahn in Pommern gibt, aber es nicht detailliert in der Allgemeinheit verbreitet ist. Die Literatur, die mir durch meine Recherche zur Verfügung stand, ist in die Sekundärliteratur einzuordnen. Originale Quellen konnte ich nicht nutzen, damit hätte man sehr wahrscheinlich noch einen tieferen Einblick in die Thematik bekommen können.

Gina Horn studiert an der Universität Greifswald und im Rahmen ihres Praktikums unterstützte sie die Arbeit des Pommerschen Landesmuseums.

Literatur:

Bonin, Dr. Rudolf, Städtische und kirchliche Zustände im mittelalterlichen Stolp, in: Kuschfeldt, Walter (Hrsg.), Das alte Stolp. Aus der mittelalterlichen Geschichte der Stolper Lande, Lübeck 1957, S. 34-38.

Eisermann, Wilhelm, Aus Pommerns alter Zeit. Bilder aus der Geschichte Ostpommerns von der Vorzeit bis zum 19. Jahrhundert, Gollnow 1937, S. 101-106.

Pagel, Karl-Heinz, Stolp in Pommern: eine ostdeutsche Stadt. Ein Buch über unsere pommersche Heimat, Lübeck 1977.

Haas, Alfred, Über das pommersche Hexenwesen im 16. und 17. Jahrhundert, in: Baltische Studien (Neue Folge), Bd. 34, Kiel 1932, S. 158-202.

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Stargordt – die Ahnengalerie im Schloss

Hing an einer dieser Wände das verschollene Porträt, das Sidonia von Borcke darstellen sollte?

Foto: Schloss Stargordt, Pommersches Landesmuseum, 2020

Der Name Stargodt fiel hier schon mehrmals. Für „Die Akte Sidonia“ steht Stargordt vor allem für den Sitz der Familie von Borcke. Das legendäre Sidonia-Bildnis soll bei den Familienporträts im Stargordter Schloss gehangen haben, bis es im März 1945 samt der Ausstattung verbrannt sein sollten. Die Hinweise zur reichen Kunstsammlung, deren Bestandteil das Porträt der „unglücklichen“ und „berüchtigten“ Sidonia, war stammen aus einem Reisebericht des Schriftstellers Johann Bernoulli, der das Anwesen in den Jahren 1777 und 1778 auf einer Tour durch hinterpommersche Güter besuchte.

Foto: Terrasse mit dem Gartenblick, Pommersches Landesmuseum, 2020

Der Architekt des von Adrian Bernhard Graf von Borcke (1668-1741) erbauten Schloss ist unbekannt – die aufwendige Art der Gestaltung führt zu der Vermutung, dass das Projekt von einem am preußischen Hof beschäftigten Architekten stammt. Noch bis heute lässt sich die symmetrieachse, die vom Schlosseingang bis zum Garten verläuft, erkennen.

Foto: Gartensaal im Schloss Stargordst, Pommersches Landesmuseum, 2020

Den Eingang des Hauptgebäudes schmückt heute das restaurierte Familienwappen – die Wände der Schlossruine sind abgestürzt und gesichert.

Foto: Schloss Stargordst – Ostseite, Pommersches Landesmuseum, 2020

Der heute überwucherte Garten des Stargordter Schlosses lässt kaum die frühere Pracht erkennen. Er soll zu den bekanntesten barocken Anlagen in Hinterpommern gehört haben und wurde von Johann Bernoulli ebenfalls in seinem Bericht ausführlich beschrieben. Beim Besuch vor Ort informieren Tafeln in drei Sprachen über die spannende Geschichte des Schlosses und die vergangene Pracht.

Foto: Kirche in Stargordt, Pommersches Landesmuseum, 2020

Einige hundert Meter weiter, auf der gegenüberliegenden Straßenseite, befindet sich die Pfarrkirche, die zwischen 1578 und 1579 entstanden ist und heute zu den wenigen erhaltenen Fachwerkbauten dieser Zeit zählt. Der Turm auf dem Foto wurde 1908 an der Westseite der Kirche hinzugefügt.

Mehr Informationen zur Geschichte des Stargordter Familienzweiges und des Ortes Stargordt: 

Wulf Dietrich von Borcke: Starogard / Stargordt – Schlösser und Gärten in der Wojewodschaft Westpommern  

Henning von Borcke: Der Stargordter Park vom 18. bis 20. Jahrhundert

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Der Zauber der Legende

Ein Vorhängeschloss soll laut der Legende auch im Fall Sidonia von Borcke eine wichtige Rolle gespielt haben. Gustav Heinrich Schwallenberg hat mit seiner handschriftlichen Notiz, die auf die Rückseite des sogenannten Stargordter Doppelporträts angeheftet war, die tragische Geschichte der pommerschen Adligen verewigt. Abwohl das Bild aller Wahrscheinlichkeit nach zerstört wurde, ist Schwallenbergs Text in den Geschichtsbüchern überliefert. Diese Version der Ereignisse hat die Erinnerung an Sidonia maßgeblich geprägt und die Grenze zwischen Geschichte und Legende verwaschen.

Hier ein Ausschnitt aus der Notiz von Gustav Heinrich Schwallenberg auf der Rückseite des Stargordter Porträts:

„Der Fürst ließ ihr hierauf zwar Gnade und das Leben anbieten, wenn sie die übrigen Fürsten von diesem Unfall befreien könnte, aber ihre Antwort ist gewesen: daß sie das Hexen-Werk in einem Hängeschloß verschlossen und selbiges Schloß ins fließende Wasser geworfen, dass sie auch den Teufel gefragt hätte, ob er das Schloß ihr wieder beschaffen könnte? Der hätte ihr aber geantwortet: Nein! Es wäre ihm verboten. Daraus man das Verhängnisse Gottes bey diesem Werke abnehmen kann.“

Abbildung: Stargordter Porträt, Landesarchiv Greifswald, Rep. 38d Borcke Nr. 106 d6.

Quelle: Dirk Alvermann: “Eine unruhige, wunderseltsame Creatur“ https://digitale-bibliothek-mv.de/viewer/image/PPN1734897503/1/-/?fbclid=IwAR2ZO8JWN2EtiIksTodDGVqw4rsJ3jG9-xf5Q7IiMCLAsulAyJusaDW3JyI

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Hexenverfolgung in Neustettin

„Zum Galgenberg ging der Schreckenszug hin.

Zu befreien von Jammer die Stadt Neustettin.

Seit fünfzehn Hundert Neunzig und zwei

War’s mit neun und vierzig Hexen vorbei.”

Ein Notgeldschein aus einer Serie zur Hexenverfolgung in Neustettin – Archiv Pommersches Landesmuseum

Zahlreichen Hexenprozesse fanden in Neustettin insbesondere in den Jahren 1585 – 1592 statt. Max von Stojentin schreibt sogar von der Ausrottung ganzer Familien. Aktenbasiert nennt er eine Zahl von 22 Opfern für diesen Zeitraum von 7 Jahren, vermutet jedoch ein deutlich größeres Ausmaß der Tat und nennt dazu die Indizien („Kulturgeschichtliche Bilder aus den letzten 100 Jahren der pommerschen Selbstständigkeit“, S. 14 http://www.anton-praetorius.de/downloads/Hexen-%20und%20Zauberwesen%20in%20Pommern.pdf). 

Erhebung auf dem Friedhof in Neustettin – Foto: Pommersches Landesmuseum

Lokalhistoriker im heutigen Neustettin weisen auf den Hügel neben dem Kriegsfriedhof als einen Ort der damaligen Hinrichtungen hin. In den 1970er Jahren wurde dort ein Funkmast errichtet. Trotz der vielen Änderungen besteht möglicherweise eine Ähnlichkeit in der Form des Hügels zwischen dem Galgenberg, wie es heute aussieht und dem auf der entsprechenden Banknote zur Serie.

Die Notgeld-Serie aus dem Jahr 1921 stellt eine recht spezifische Form der Erinnerung an die Hexenprozesse in Neustettin dar. Wegen der Hyperinflation wurden damals lokal Geldscheine gedruckt. In Neustettin wurde für drei solche Scheine im Wert von jeweils 50 Pfennig die Geschichte der Hexenverfolgung aufgegriffen. Die bunten Cartoons zeigen drastische Szenen der Inhaftierung, Verurteilung und Hinrichtung auf dem Scheiterhaufen.

„Durch bösen Spruch und Zauberwesen,

Ist Neustettin in Not gewesen.

Das Volk kam schreiend zum Richter gerannt,

Helft uns! daß die Hexen werden verbrannt.“

Archiv Pommersches Landesmuseum

Alle drei Scheine der Hexenprozess-Notgeld-Serie der Stadt Neustettin sind 1921 erschienen und haben den Wert von 50-Pfennig. Auf der Rückseite befindet sich jeweils das Stadtwappen von Neustettin. Alle drei Scheine haben eine Größe von 90×64 mm. Auf jedem Schein befindet sich jeweils passend zur Grafik ein gereimter Spruch.

Archiv Pommersches Landesmuseum

„Der oberste Rat, der die Stadt wollte retten.

Legte die Zaubrer und Hexen in Ketten.

Sie wurden verurteilt und seht hier im Bild

Steht auch der Scharfrichter, grausig und wild.“

Archiv Pommersches Landesmuseum
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Johannes Bugenhagen und die „Hexenpredigt“

Johannes Bugenhagen – in allen Ehren auf dem Croy-Teppich abgebildet – steht der Doctor Pomeranus stolz zwischen den pommerschen Herzögen Barnim IX. und Philipp I. Der aus Wollin stammende Pfarrer und Gelehrte gehörte zu den engsten Mitarbeitern Martin Luthers und ging in die Geschichte als Verfasser von neuen Kirchenordnungen rein. Im Frühjahr 1526 in Wittenberg notierte er eine sogenannte „Hexenpredigt“, die Martin Luther dort abgehalten hat. Dadurch konnte sich bis heute dieses wichtige Geschichtszeugnis erhalten.

Foto: Ein Fragment des Croy-Teppich (Universität Greifswald) im Pommerschen Landesmuseum

„Es ist ein überaus gerechtes Gesetz, dass die Zauberinnen getötet werden, denn sie richten viel Schaden an, was bisweilen ignoriert wird, sie können nämlich Milch, Butter und alles aus dem Haus stehlen, indem sie es aus einem Handtuch, einem Tisch, einem Griff melken, das ein oder andere gute Wort sprechen und an eine Kuh denken. Und der Teufel bringt Milch und Butter zum gemolkenen Instrument. Sie können ein Kind verzaubern, dass es ständig schreit und nicht isst, nicht schläft usw. Auch können sie geheimnisvolle Krankheiten im menschlichen Knie erzeugen, dass der Körper verzehrt wird. Wenn du solche Frauen siehst, sie haben teuflische Gestalten, ich habe einige gesehen. Deswegen sind sie zu töten.“

Predigt „Die Zauberinnen sollst du nicht am Leben lassen“ Das vollständigen Text der Predigt kann auf der Webseite des Arbeitskreises für die Aufarbeitung der Hexenverfolgung Leipzig nachgelesen werden: https://www.hexenprozesse-leipzig.de/?p=60#fn-1

Croy-Teppich der Universität Greifswald im Pommerschen Landesmuseum
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Das Recht einer Hexe? Gerichtsverfahren bei Hexenprozessen

Ein Beitrag von Paul Sperber

Aus heutiger Sicht klingt es paradox: Rechtsprechung bei Hexenprozessen? 

Doch tatsächlich, Hexerei galt als ein juristischer Akt. Aber wieso verfolgte man überhaupt angebliche Hexen? Kurzgesagt betrachtete man sie als Handlanger des Teufels, welche gezielt Schaden anrichteten, wie etwa Missernten, Unwetter, Brände oder auch Schicksalschläge Einzelner, wie etwa Fehlgeburten oder Krankheiten. Im christlichen geprägten Mittelalter und der Frühen Neuzeit war die Furcht vor Satan ein ausreichendes Argument, dessen vermeintliche Helfer aufzuspüren und zu töten. 

Doch obwohl all dem der Glaube zu Grunde lag, fielen die Hexenprozesse nicht in die Gerichtsbarkeit der Kirche. Im Gegenteil, die katholische Kirche verurteilte die Lynchjustiz gegen Hexen im Mittelalter ausdrücklich. Und die gefürchtete Inquisition lehnte die Hexenverfolgung, zumindest anfangs, scharf ab, da man Ketzer, also abtrünnige Christen, verfolgte und keine Zauberer. Die Gerichtsbarkeit gegen Hexen lag fast ausschließlich bei weltlichen Gerichten. 

Paul Sperber an der Stadtmauer in Greifswald – ein neuer Mitstreiter im Netzwerk für das Aufaurbeiten der Geschichte der Hexenverfolgung in Pommern.
Alle Fotos: Pommersches Landesmuseum

Ende des 13. Jahrhunderts gab es eine Wende im kirchlichen Denken, denn nun galt die Verleugnung der Existenz von Hexen als Ketzerei. Ein zentraler Akteur der Hexenverfolgung war der Dominikanermönch Heinrich Kramer (*1430-†1505), welcher 1478 zum Inquisitor ernannt worden war. Sechs Jahre später legte er Papst Innozenz VIII ein Schriftstück vor, in welchem dieser die Existenz von Hexen anerkennt und deren Verfolgung legitimiert – die Hexenbulle. Von da an schickte die katholische Kirche einige Inquisitoren zur Hexenverfolgung aus. Heinrich Kramer war es auch, welcher 1487 das „Malleus maleficarum“, auch „Hexenhammer“ genannt, verfasste: Ein Kodex, welcher eine scharfe Justiz gegen angebliche Hexen proklamierte. Damit sollte die Lynchjustiz legitimiert werden, denn zu Zeiten Kramers gab es auch eine große Anzahl von Personen, welche sich explizit gegen die Hexenverfolgung aussprachen. Die wurde scholastisch begründet und letztendlich forderte er die Vernichtung aller Hexen. Kramer gelang es, seine eigene Position mit dem Malleus maleficarum zu stärken. 

Die meisten Hexenverfolgungen ereigneten sich zwischen dem 15. und dem 18. Jahrhundert, wobei die Anzahl der Opfer wird auf etwa 60.000 Menschen in ganz Europa geschätzt. Allein fast die Hälfte davon kamen auf dem Gebiet des Heiligen Römischen Reiches Deutscher Nation um, so Gerd Schwerhoff in seiner Publikation zu dem neuesten Forschungsergebnissen.

„Der Hexenhammer” – eine kommentierte Ausgabe

Doch nicht nur die Katholiken verfolgten Hexen. Auch mit der Reformation verbesserte sich die Situation nicht, im Gegenteil, in der Praxis behandelte die evangelische Kirche Hexen deutlich grober. Und auch der Martin Luther sprach sich für die Verfolgung von Hexen aus: „Es ist ein überaus gerechtes Gesetz, daß die Zauberinnen getötet werden, denn sie richten viel Schaden an.“

Seit 1532 bildete die Constitutio Criminalis Carolina, auch Halsgerichtsordnung genannt, von Kaiser Karl V. die juristische Grundlage im Heiligen Römischen Reich. Danach war Hexerei nur dann durch Buße zu bestrafen, wenn ein realer Schaden entstanden sei. Die Anwendung des Todesurteils, von Ordonalen (Gottesurteilen) oder etwaigen Hexenproben wurde darin abgelehnt. Die Protestanten legten diese Regelungen allerdings weitaus radikaler aus. Eine Maxime, unter die sich jedoch alle Richter und Ankläger fügen mussten, war: Ohne Geständnis, keine Verurteilung. Niemand durfte bestraft oder gar zum Tode verurteilt werden, wenn derjenige seine Taten nicht gestand. 

Um 1600 wurde die „Instructio Proformandis processibus in causis Strigum, Sorrilegiorum & maleficiorum“, auch „Instructio des Sanctum Officium“ oder zu Deutsch „Hexenprozeßinstruktion“ herausgegeben. Anhand dieser Quelle lässt sich der geregelte Ablauf des Hexenprozesses besonders gut skizzieren.

Die Hexenpredigt von Martin Luther in der Ausstellung auf der Burg Penzlin (Museum Burg Penzlin. Das Hexenmuseum in Mecklenburg)

Zunächst einmal erfolgte die Anklage einer vermeintlichen Hexe. Nicht selten basierte die Anschuldigung auf Gerüchten oder aufgrund von Denunziation. Möglich war aber auch die Anklage in Folge des Todes oder der Erkrankung eines Menschen aufgrund angeblicher Zauberei. Stellte ein Arzt eine natürliche Todesursache fest, wurde das Verfahren eingestellt. Handelte es nicht um keine natürliche Ursache, so wurden weitere Ärzte konsultiert und die Indizien gewissenhaft überprüft. Gelangte man zu dem Schluss, dass nicht Verdächtiges vor sich ging, wurde das Verfahren ebenfalls eingestellt.

Falls doch, folgte die Inhaftierung der Hexe, meist in einem Gefängnis- oder Stadtmauerturm. Zugleich führte man eine Hausdurchsuchung durch. Die inhaftierte Person wurde vollständig entkleidet und ihre Haare entweder abgesengt oder abrasiert. Dies sollte der Anwendung versteckter Zaubermittel vorbeugen. Daneben suchte man den Körper nach sog. Hexenmalen ab, also beispielsweise Muttermalen, welche als „Stempel des Teufels“ gedeutet wurden.

Folterinstrumente – Museum Burg Penzlin. Das Hexenmuseum in Mecklenburg

Der nächste Schritt war dann das Verhör. Dabei unterschied man zwischen drei Phasen: dem gütlichen Verhör, bei welchem die Befragung durch einen Richter erfolgte; der Territion (Schreckung), also der Befragung unter Präsentation der Folterinstrumente; und zuletzt dem peinlichen Verhör (von Pein = Schmerz), bei welchem Werkzeuge, wie etwa die Streckbank oder die Daumenschraube zum Einsatz kamen. Bei der simultan erfolgenden Befragung war jedoch die Anwendung von Suggestivfragen untersagt. Nach geltendem Recht war es eigentlich vorgesehen, dass Folter nicht länger als eine Stunde am Stück angewendet werden durfte, jedoch wurde diese Regel nicht selten missachtet. Zudem war es ein weiteres Gesetz, dass nach dreimaliger, geständnisloser Folter die Anklage fallen und der Angeklagte oder die Angeklagte frei gelassen werden musste, doch auch diese Regelung beachteten besonders fanatische Richter und Henker wenig. Starb ein Angeklagter im Zuge der Folter, so wurde in der Prozessakte bzw. im Verhörprotokoll oftmals „in Cartzer de mortua“ („stirbt im Kerker“) eingetragen. Interessant ist, dass jedem Beschuldigten, auch armen Menschen, ein Verteidiger an die Seite gestellt und daraufhin die Option eröffnet wurde, eine eigene Verteidigung schriftlich abzufassen. Kamen die Richter danach zu keinem Ergebnis und auch eine höhere Instanz bzw. andere Richter konnten keine Entscheidung fällen, so musste das Verfahren eingestellt werden.

Daumenschrauben – Museum Burg Penzlin. Das Hexenmuseum in Mecklenburg

Als nächster, jedoch inoffizieller Schritt kam nicht selten die Hexenprobe zum Einsatz. Eine Variante konnte dabei sein, dass man die vermeintliche Hexe im Wasser versenkte und wenn sie nicht wieder auftauchte, so war bewiesen, dass sie keine Hexe war (was dem Angeklagten zu diesem Zeitpunkt jedoch nichts mehr nutzte). Hexenproben aber waren kein Element eines offiziellen und vor allem ordentlichen Gerichtsprozesses.

Nach erfolgtem Geständnis konnte es zudem noch ein zweites Verhör geben, bei welchem die Richter und Henker die Hexe nach Mitverschwörern bzw. anderen Hexen ausfragten, da man davon ausging, dass Hexen sich untereinander kannten und sich beim Sabbat auch trafen. 

In Folge des Geständnisses und der Verurteilung wurde die Hexe sodann zur Hinrichtung geführt, wobei es bekanntermaßen gängige Praxis war, diese auf einem Scheiterhaufen zu verbrennen. Primär galt dies nicht der weiteren Qual, sondern das Feuer sollte die verdorbene Seele reinigen, so die Vorstellung jener Zeit. Adligen Hexen, wie Sidonia von Borcke, wurde nicht selten das Zugeständnis gemacht, vor der Verbrennung etwa durch Enthauptung exekutiert zu werden. Dies galt als Akt der Gnade und konnte durchaus auch nicht-adligen Personen zugestanden werden. 

Der Gerichtssaal – Museum Burg Penzlin. Das Hexenmuseum in Mecklenburg

Textautor: Paul Sperber – Masterstudent für Kunstgeschichte an der Universität Greifswald

Quellen: 

Rainer DECKER: Die Päpste und die Hexen. Aus den geheimen Akten der Inquisition, Darmstadt 2 2013. 

Marco FRENSCHKOWSKI: Die Hexen. Eine kulturgeschichtliche Analyse, Wiesbaden 2 2016. 

Heinrich KRAMER (Institoris): Der Hexenhammer. Malleus Maleficarum. Kommentierte Neuübersetzung (hrsg. v. Günter Jerouschek und Wolfgang Behringer), München 3 2003. 

Brian LEVACK: Hexenjagd. Die Geschichte der Hexenverfolgungen in Europa, München 4 2009. 

Gerd SCHWERHOFF: Vom Alltagsverdacht zur Massenverfolgung. Neuere deutsche Forschungen zum frühneuzeitlichen Hexenwesen (Geschichte in Wissenschaft und Unterricht 46), Seelze 1995, S. 859-380.

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Auf nach Marienfließ

Dr. Paweł Gut präsentiert im Vortrag den Umschlag der Prozessakte aus dem Jahr 1601-1602, aus den Beständen des Staatsarchivs Stettin. Dies war Sidonia von Borckes letzte Klage gegen den Bruder Ulrich im Streit um das ihr nach dem Tod der Schwester Dorothea zustehende Erbe und die ausstehenden Alimente. Auch diesmal blieb diese erfolglos. Am 11. November 1603 starb Ulrich und die Bemühungen Sidonias wurden noch aussichtloser. Nach Angaben Georg Sellos (Quellenedition, Bd. 3, S. 144) wird Sidonia in das Kloster Marienfließ durch Fürbitte „ehrlicher vornehmer Leute“ um Neujahr 1604 aufgenommen. Es lässt sich nur vermuten, dass hier ökonomische Gründe ausschlaggebend waren.

Der Vortrag fand am 4.09.2020 im Schloss der Pommersche Herzöge Stettin statt. Foto: Pommersches Landesmuseum

Fünf aus den reduzierten Klosteranlagen wurden 1569 in Jungfrauenstifte umgewadelt – Marienfließ war eins davon. Magdalena, Sabina, Augusta, Eleonora und Charlotta hießen mit Vornamen einige der Conventualinnen des Jungfrauenstiftes im Jahr 1736. Im Jahr 1755 erschien Johann Carl Dähnerts Artikel mit den Namenslisten und mit der Abschrift der am 23. März 1569 beim Landtag zu Wollin verabschiedeten Klosterordnung. 20 Jungfrauen, nicht jünger als 15, durften in den gestifteten Einrichtungen wohnen. Dazu waren 10 Gehilfen eingeplant (2 Mägde der Regentinnen, 2 Mägde der Jungfrauen, 1 Schafferin, 1 Kellerin, 1 Köchin, 2 Mägde und ein Pförtner). In der Urkunde werden die Regeln des Alltaglebens festgehalten: die Jungfrauen sollen „nichts anders im Kloster als schwarze Sachen und Wandt-Röcke und weisse Schleier wie das zu verordnen, tragen“. Die Wohnung und der Garten standen allen kostenfrei zu. Zusätzlich wurden sie mit den Natureinkünften, die auf dem Klostergelände gediehen und die sie bei Bedarf auch verkaufen konnten, angemessen versorgt.

Foto: Archiv Pommersches Landesmuseum

Bereits wenige Monate nach dem Eintritt Sidonias in das Stift häufen sich die Beschwerden über sie. Das meiste dazu kommt aus der Feder des Klosterhauptmanns, Johannes von Hechthausen. Dabei beschreibt er Sidonia von Borcke als „eine unruhige, wunderseltsame Creatur“, die ihm seit dem Eintritt ins Kloster das Befolgen der Klosterordnung unmöglich mache. Sidonia begegne allen mit Widerwillen, zu ungewöhnlichen Uhrzeiten und unangekündigt unternehme sie verdächtige Reisen. Das Tor müsse zum Ärger des Hauptmanns für sie um 2 Uhr nachts geöffnet werden.

Foto: Archiv Pommersches Landesmuseum

Zeuge dieser nächtlichen Ausflüge war vielleicht die Eiche im Garten des Konvets. Georg Sello berichtet über Abbildungen, die zu Marienfließ überliefert sind und erwähnt Lithografien von Kypke. Eine davon soll die „Sidonien-Eiche zu Marienfließ“ zeigen, unter welcher Sidonia gern mit ihrer Schoßkatze gesessen haben soll. Dies könne dieselbe Eiche sein, die in Ulrich Jahns „Volkssagen aus Pommern und Rügen, Teufelssagen und Verwandtes aus Marienfließ“ (1890) als „Teufels-Eiche“ bezeichnet wird. Jedenfalls muss der Baum ein beliebtes Fotomotiv gewesen sein, denn er findet sich häufig auf alten Fotografien und Postkarten wieder.

Foto: Archiv Pommersches Landesmuseum
Abbildung: Archiv Pommersches Landesmuseum

Gottlieb Samuel Pristaff ging in die Geschichte als Fälscher ein, der sich vor allem auf die Dokumente zur Geschichte des Herzogtums Pommerns spezialisierte – seine Fälschungen verkaufte er Mitte des 18. Jahrhunderts vor allem an Privatpersonen und Bibliotheken. Bevor seine niederträchtigen Machenschaften aufflogen, erfreuten sich die pristaffsche Fälschungen großer Beliebtheit. Zu seinen „Werken“ gehörte u.a. auch ein Dokument zur Geschichte des Klosters in Marianowo (Marienfließ), worüber Hermann Hoogeweg bereits 1925 schrieb. Das komplette Klosterarchiv brannte 1549 vollständig nieder. Glücklicherweise, dank einiger detaillierten Abschriften, blieb sein Gründungsakt erhalten. In seiner Monographie „Die Stifter und Klöster der Provinz Pommern” erwähnt Hoogeweg über 26 Abschriften zu Marienfließ, die im 16. und 17. Jahrhundert gefertigt wurden – (einige davon sollten damals in zwei oder drei Fassungen erhältlich sein). Sieben davon bezogen sich auf die Zeiten nach 1536, neun auf den Zeitraum davor. Eines der Dokumente wurde als Fälschung angesehen, dessen Autor der zuvor erwähnte Gottlieb Samuel Pritstaff war.

Foto: Pommersches Landesmuseum

In der zweiten Hälfte des 19. Jhs. gerät das Hexenwesen ins Visier der Volkskunde. Ulrich Jahn, der sich mit dem Sammeln von Volksmärchen einen Namen machte, hat 1886 die „Hexenwesen und Zauberwesen in Pommern“ herausgegeben. Der in Züllchow (Żelechowa) geborene Deutsch- und Religionslehrer widmete sich bereits zu seiner Studienzeiten dem Sammeln von mündlichen Erzählungen der Landbevölkerung. Dabei ist auch eine umfangreiche Sammlung nach Zweck sortierter Zaubersegen und zauberischer Mittel entstanden.

Aus Marienfließ stammt zum Beispiel der folgende „Zauberspruch“:

„Es kommen drei Engel vom Himmel herab: Der eine heißt Joseph,der dritte heißt: „Blut stille dich herab“.Dreimal zu besprechen und dabei übers Kreuz zu pusten. Marienfließ, Kr. Saazig“

Quellen:

H. Kypke: Bilder aus dem Marienfließer Klosterleben, 1885: https://zbc.ksiaznica.szczecin.pl/dlibra/publication/1486/edition/1234/content?ref=desc

Nachricht von dem ehemaligen und gegenwärtige Zustand des Klosters Marienfließ, In: J. C. Dähnert, Pommersche Bibliothek, Greifswald 1755, Bd. IV, S. 207 – 217. https://digitale-bibliothek-mv.de/viewer/image/PPN774811781_1755/231/

Kloster Marienfließ. Von 1604 bis 1619 lebte Sidonia von Borcke in Marienfließ: https://von.borcke.com/wp-content/uploads/2016/02/Marienflie.pdf (10.09.2020)

Hermann Hoogeweg: Die Stifter und Klöster der Provinz Pommern. Band 2, Leon Saunier, Stettin 1925, S. 110–120.

Marienfließ: http://www.saatzig.de/marienfliess.html (10.09.2020)

Dirk Alvermann: Eine unruhige, wundersame Creatur. Das Leben der Sidonia von Borcke, 1998

Ulrich Jahn: Hexenwesen und Zauberei in Pommern, In: Baltische Studien (Jg. 36, Heft 1/4, 1886): https://digitale-bibliothek-mv.de/viewer/image/PPN559838239_AF_36/184/LOG_0022/?fbclid=IwAR2N5hEY3Buaceb81Q7pTTfPkzCkB4c14o-WGi4Da782Hi1ip3ETfiwzYxc

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Im Klostergarten

Im Klostergarten des Pommerschen Landesmuseums in Greifswald treffen wir die Schauspielerin Katja Klemt. Heute beginnt ihre kriminalistische Untersuchung der aktenkundigen Hexe Sidonia von Borcke. „Ich möchte verstehen, wie man zu einer Hexe wird“ – erklärt sie mit ihrer rauchigen Stimme. Mit dieser Stimme will sie der Geschichte Sidonias im Rahmen der im Projekt geplanten Kriminalpodcasts Gehör verschaffen.

Katja Klemt schreitet langsam zwischen den Beeten des Klostergartens. Hin und wieder bückt sie sich und riecht an einer Pflanze. Es ist schon August und viele Esskräuter und Heilpflanzen sind bereits verblüht. Sie riecht an den Blüten des Rainfarns. Hatte Sidonia das einst im Garten des Stiftes Marienfließ (Marianowo) auch getan?

Viele Kräuter finden eine vielseitige Anwendung und ihre Kenntnis konnte früher bestimmt Menschenleben retten. Doch ihre Kraft darf nicht unterschätzt werden.

Bilsenkraut zum Beispiel mildert in kleinen Dosen Schmerzen, in größeren Mengen aber führt es zu Halluzinationen. Bilsenkraut wurde im ausgehenden Mittelalter als teuflische Zutat der Hexentränke betrachtet. Es ist überliefert, dass eine Hexe aus Pommern vor Gericht gestanden hat, weil sie einen Mann „toll“ werden ließ, indem sie ihm Bilsenkrautsamen in die Schuhe getan habe. Georg Homann schrieb in seinem Herbarium „Einheimische Giftpflanzen zum Gebrauch von Stadt- und Landschulen“ über dieses Kraut wie folgt: „Die Kräfte dieser Pflanze werden zum Theil zur Arznei genutzt, übrigens sind alle Theile derselben giftig, verursachen Betäubung, außerordentliche Lustigkeit, Trockenheit im Schlunde und Anfälle von Erstickung.”

Johanniskraut wird im Deutschen unter anderem auch als „Hexenblume“, „Teufelsbiss“ oder „Jageteufel“ bezeichnet. Dem dunklen Saft der Pflanze wird Wunderkraft zugeschrieben, auch soll sie ein Mittel gegen Zauberei und Teufelsmacht sein.

In den Namen vieler Pflanzen zeigt sich die Beziehung zwischen Mensch und Natur. Bis heute werden Namen für Pflanzen verwendet, die das Wort Hexe, Teufel oder Zauber in sich beinhalten und von Unverständnis oder Angst der Menschen gegenüber ihrem Umfeld zeugen. Viele dieser Pflanzen kennzeichnet eine Ambivalenz; einerseits verursachen sie Schaden oder Krankheiten, andererseits heilen oder schützen sie.

Die Brennnessel ist ein wunderbares Beispiel für eine Pflanze, die in ihrer Wirkung eine starke Ambivalenz aufweist. Sie ist zum einen nährstoffreich und entzündungshemmend, zum anderen hinterlässt sie juckende Bläschen auf der Haut. So schützt sich die vor allem im Sommer durch Kinder und Erwachsene gefürchtete Brennnessel mit einer Flüssigkeit, die bei Berührung aus den Spitzen der kleinen Härchen auf die Haut gelangt. Die Vielschichtigkeit dieser Pflanze ist ein Grund, warum ein Brennnesselblatt mit dem Buchstaben „S“ (wie der erste Buchstabe in Sidonias Namen) zum Logo für unser Vorhaben wurde.

Alle Fotos: Pommersches Landesmuseum

Die Giebel der Backsteinbibliothek des ehemaligen Franziskanerklosters (heute Pommersches Landesmuseum) sind auf diesem Foto im Hintergrund gut zu erkennen. Links davon erstreckte sich der Garten der Mönche. Ab 1491 wurde der Garten deutlich vergrößert: Katharina Rubenow vermachte dem Kloster einen großen Obstgarten.

Aus dieser Tradition heraus wird bis heute im Museum die Gartenkunst gepflegt. Neben Bäumen, die für den traditionellen Obstanbau stehen, wurden Beete nach alter Klostertradition angelegt: mit Färberpflanzen, Würzpflanzen, Heilpflanzen, christlichen Symbolpflanzen und auch Gemüse. Eine Reihe an schriftlichen Überlieferungen geben uns Hinweise dazu, zum Beispiel die Heilkräuterliste Karls des Großen „Kapitulare de Villis“, Aufzeichnungen des Mönches Walahfrid Strabo im lateinischen Gedicht „Hortulus“ sowie die Überlieferungen des Benediktinerklosters St. Gallen aus dem 17. Jh.

Quellen:

Renate Silina-Pinke: Hexenpflanzen im Deutschen und Lettischen, In: Hexen. Historische Faktizität und fiktive Bildlichkeit: Marion George, Andrea Rudolph (Hg.); 2006, S. 35-45

Mikołaj Radomski: Grunt to zdrowie, 2019

Repro: Georg Gotthilf Jacob Homann: Rośliny trujące Pomorza. Giftpflanzen von Pommern, 2018

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Archive bewahren Schätze der Geschichte

So auch das Landesarchiv Greifswald, in dem das Familienarchiv der von Borckes behütet wird. Darin enthalten ist ein Blatt mit einem aufgeklebten Bild – die Komposition dieser angeblichen Abbildung Sidonia von Borckes weist eine erhebliche Ähnlichkeit mit dem Doppelporträt im Nationalmuseum Stettin (Muzeum Narodowe w Szczecinie) auf.

Entsprechend der Beschriftung auf dem Archivblatt soll diese Schwarz-weiß-Kopie in der Technik der Heliogravüre angefertigt worden sein. Die beiden Sidonia-Forscher Georg Sello und Wulf-Dietrich von Borcke sehen in diesem Bild die eigentliche Vorlage für viele weitere Darstellungen, die im 18. und 19. Jahrhundert entstanden, unter anderem auch für das Stettiner Sidonia-Bild und die Radierung von Ganz aus dem Archiv des Pommerschen Landesmuseums.

Das Originalgemälde, das auf diesem Blatt abgebildet ist, gehörte nach einem mehrfachen Besitzerwechsel seit 1835 den Grafen von Borcke-Stargordt und soll 1945 zusammen mit dem Schloss Stargordt (Starogard Łobeski) durch einen Brand vernichtet worden sein.

Abbildung: Landesarchiv Greifswald; Rep. 38d Borcke Nr. 106 d6.

Quellen: Georg Sello: Sidonia Borcke. Vermischte Urkunden (Bd. 3,2) https://digitale-bibliothek-mv.de/viewer/image/PPN781987210/80/#topDocAnchor

Wulf-Dietrich von Borcke: Sidonia von Borcke. Die Hexe aus dem Kloster Marienfließ. 1548-1620.

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Wir öffnen die Akte Sidonia!

Laut Überlieferungen wurde Sidonia von Borcke am 19. August 1620 in Stettin wegen Hexerei hingerichtet. Wäre das ein Fall von heute, würden wir ihr Gesicht in jedem Kiosk auf den Titelseiten der Boulevardzeitungen sehen.

Obwohl ihr Tod 400 Jahre zurückliegt, können wir uns dank der vielen Drucke, für die ihre Geschichte eine Inspiration war, gut vorstellen, wie sie vielleicht ausgesehen hat. Vor diesem Hintergrund sticht ein von Legenden und Geschichten umwobenes Doppelporträt Sydonias hervor, das sich heute in der Sammlung des Nationalmuseums in Stettin befindet.

Da es im 17. Jahrhundert keine Kameras gab und Sydonia keiner fürstlichen Familie mit eigenem Hofmaler angehörte und sie auch nie einer solchen Familie durch Heirat beigetreten ist, besteht keine Sicherheit, dass sie jemals porträtiert wurde. Ein ziemlich klares Bild Sidonias ergibt sich jedoch aus schriftlichen Quellen. Bis heute sind in den Archiven in Greifswald und Stettin handschriftliche Prozessakten, Briefe und Notizen erhalten, in denen beispielsweise Streitigkeiten beschrieben wurden, an denen Sidonia beteiligt war. Zu den wertvollsten Dokumenten gehören Notizen, die die Angeklagte selbst verfasst und unterschrieben hat. Zwischen den Zeilen dieser Zeugnisse zeigt sich ein weiteres Bild Sidonias. Das einer Frau, die ihr ganzes Leben lang für ihr Recht gekämpft hat.

Wir öffnen die Akte Sydonia! 400 Jahre nach dem Tod der vielleicht berühmtesten pommerschen Adeligen eröffnen wir ihren Fall neu.

Druckgrafik – Sidonia von Borcke (Archiv: Pommersches Landesmuseum)